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09.10.2017

Der innere Trainer

VON TOBIAS GROSSE

BERNBURG/MZ - Am 1. März 2013 war die Welt noch anders. Barack Obama hatte gerade seine zweite Amtszeit als US-Präsident angetreten, in Deutschland diskutierte man entsetzt über den Pferdefleischskandal, und der Fußball-Rekordmeister FC Bayern München wurde in der Post-Guardiola-Ara noch von Altmeister Jupp Heynckes trainiert - na gut, alles war dann doch nicht anders.

Der SV Anhalt Bernburg spielte an jenem 1. März 2013, einem Freitag, in der dritten Handball-Liga am Abend das Salzland-Derby beim HC Aschersieben. Anhalt gewann klar mit 30:21, an der Seitenlinie stand damals Enrico Nefe. Der Sportliche Leiter des SV Anhalt vertrat den sich auf einer Weiterbildung befindenden Trainer Christian Pöhler. Es sollte das vorerst letzte Mal sein, dass Nefe eine Mannschaft geleitet hat. Bis vergangenen Freitag.

Die knappe 29:30-Derbyniederlage beim SC Magdeburg II hat der 43-Jährige als Trainer an der Seitenlinie verbracht. Der SV Anhalt wurde zu Beginn der letzten Woche vom Rücktritt Hendrik Tushys überrumpelt, der erst in diesem Sommer als zweiter Trainer neben Armands Uscins übernommen hatte. Um den am Freitag 44 Jahre alt gewordenen Letten jetzt nicht mit der Verantwortung alleine da stehen zu lassen, hat der Sportliche Leiter sich also bereit erklärt, aushilfsweise als Trainer zu übernehmen.

„Es hat Spaß gemacht", rekapituliert Nefe das Spiel mit einigem Abstand. Klar, das Ergebnis hätte besser sein können, zumal der Interimscoach auch jetzt noch sagt: „Ich war mir jederzeit sicher, dass wir mindestens noch einen Punkt holen." Ein schlechtes Auswärtsspiel hatte der SVA auch nicht gemacht, sondern eher das Pech, dass die beiden Keeper Max Folchert und Florian Link einen rabenschwarzen Tag hatten und zusammen nur vier Würfe parieren konnten - eine Zahl, die Folchert in Normalform für gewöhnlich in 20 Minuten hält. Locker.

Bernburg waren gegen den SCM-Nachwuchs keine Nachwirkungen des Tuschy-Schocks oder Startschwierigkeiten unter Nefe anzumerken. „Er hatte ja sowieso schon engen Kontakt zur Mannschaft", erzählt Steffen Cieszynski. Der Kapitän hat schon vor gut zehn Jahren beim SV Oebisfelde und später bei der HG 85 Köthen unter dem Trainer Nefe gespielt - er kennt ihn bestens.
 
„Wenn man sich mit ihm über Handball unterhält, merkt man, dass trotz der Funktionärsfunktion der Trainer in ihm nie wirklich weg ist”, so Cieszynski. Nefe, der die Trainer-A-Lizenz besitzt, hat auch in seiner Rolle als Sportlicher Leiter jedes Spiel, welches er nicht in der Halle verfolgen konnte, sich auf Video angeschaut und analysiert. „Es fällt ihm deswegen nicht schwer, den Einstieg zu finden", so Cieszynski. Er beschreibt Nefe als strukturierten Typ Trainer, der „immer eine klare Vorstellung hat". Und: „Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen."

Auch das Spiel in Magdeburg hat Enrico Nefe bereits noch einmal gesehen. Er ist das Traineramt mit einem perfektionistischen Anspruch angetreten. „In der kurzen Zeit, in der ich es mache, will ich es so gut wie möglich machen", meint er. Und: „Da hinterfrage ich mich natürlich auch selbst." Nefe ist zu dem Fazit gekommen, dass er gegen den SCM im Angriff vielleicht eher auf zwei Kreisläufer hätte umstellen können, womit die Youngsters einige Probleme hatten.

Allerdings ist die jetzige Situation auch psychisch eine ganz andere Belastung als vorher. „Als Sportlicher Leiter konnte ich die Spiele beruhigter sehen", gesteht Enrico Nefe, „jetzt ist alles schneller und hektischer." Nefe ist jetzt der, der gemeinsam mit Armands Uscins in wenigen Sekunden die wichtigen Entscheidungen treffen muss - und nicht mehr der, der die Entscheidungen aus der dritten Reihe bewerten kann. „Ich bin sonst entspannter."

Aus diesem Grund und wegen seiner hohen beruflichen Belastung will Enrico Nefe die Rolle als Trainer auch nur als Interimslösung verstanden wissen. Spätestens in der Winterpause soll ein neuer Coach präsentiert werden. Ein paar lose Sondierungsgespräche laufen im Hintergrund schon. Geführt von Nefe - dann aber als Sportlicher Leiter.

SV Anhalt Folchert, Link; Cieszynski (1), Pulay (5/4). Marschall, Kraft (2), Friedrich, Ackermann (4). Schneider (4), Heyer, Schulze (5), Richter (8)
 

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