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02.02.2018

Die Große Wette

VON TOBIAS GROSSE

Wird den SV Anhalt nach dreieinhalb Jahren verlassen: Gabor Pulay (FOTO/MZ/Archiv: Hartmut Bösener)

Bernburg/MZ - Wenn man gehässig wäre, könnte man von Gabor Pulay relativ problemlos Videos zusammenschneiden, aufgrund derer man seine Klasse in Frage stellen würde. Man sieht darauf einen 24 Jahre jungen Handballer, der während des Spiels - trotz der nötigen Statur - noch Schwächen in der Abwehr hat. Oder der vorne Probleme zeigt, besser postierte Mitspieler zu sehen. An Pulays guten Tagen kommt man vielleicht nur auf fünf Minuten dieser Situationen, an schlechten sind es deutlich mehr.

Dann gibt es aber auch die anderen Szenen von Pulay, zu denen das altmodische Wort „begnadet“ am besten passt. Der Ungar des SV Anhalt Bernburg hat eine ungeheuere Kraft in seinem linken Arm, dazu ein Handgelenk, das so flexibel ist, dass es in Medizinbüchern in der Kategorie „anormal“ auftauchen würde. Pulay kann im Wurf noch auf die Bewegung von Torhüter und Abwehr reagieren.

Das lässt ihn schon lange - trotz der Schwächen - berechtigt von einem Engagement in der 2. Bundesliga träumen - wobei das jetzt kein Wunsch mehr ist.

Gabor Pulays Traum wird schon in zehn Tagen Realität sein. Der Rückraumspieler wird den Drittligisten verlassen. Beim bevorstehenden Heimspiel gegen die MSG Groß Bieberau/Modau an diesem Sonnabend wird er bereits verabschiedet, das darauffolgende Auswärtsspiel beim HSV Bad Blankenburg absolviert er noch, dann wechselt er am 12. Februar nach Dresden - zum ambitionierten HC Elbflorenz und Ex-SVA-Trainer Christian Pöhler.

Bernburg verliert damit schon jetzt einen Leistungsträger, der spätestens im Sommer weggewesen wäre. „Das war bereits klar“, erklärt Enrico Nefe, der Sportliche Leiter und aktuell noch Trainer des Drittligisten. Beide Seiten wollten sich dann verändern. Nun also schon kurzfristig.

Beim Trainingsauftakt Anfang Januar trat Pulay an Nefe heran, sprach mit ihm über das Interesse aus Dresden und darüber, dass Pöhler seinen ehemaligen Schützling am liebsten sofort haben würde. Weil Elbflorenz - eines der spannendsten Projekte im deutschen Handball - einige Probleme im rechten Rückraum hat.

Dort spielt mit dem Slowaken Patrik Hruščák zwar ein hochdekorierter, ehemaliger Bundesliga-Akteur, der dem Vernehmen nach auch zu den Top-Verdienern in Dresden gehört - doch dafür liefert er zu wenig. Die Lösung Gabor Pulay lag da auf der Hand.

Der 24-Jährige hat auf den SV Anhalt keinen Druck à la Pierre-Emerick Aubameyang aufgebaut oder Ähnliches, aber eine gewisse Sehnsucht in Richtung Liga zwei war dem ungarischen Profi anzumerken. Bernburg entschied sich deshalb für die Freigabe. Auch, weil der HC Elbflorenz in die Tasche greift und die geforderte Ablöse zahlt - eine Zahl im fünfstelligen Bereich. „Wir hatten unseren Standpunkt“, sagt Nefe. Und auf den ging Dresden nach „fairen Verhandlungen“ ein. „Das Geld“, gibt Enrico Nefe zu, „hat am Ende entschieden.“ Wenngleich der Sportliche Leiter des Drittligisten auch weiß: „Mit sechs oder sieben Punkten mehr auf unserem Konto, wäre es einfacher gewesen.“

Der SVA steckt mitten im Abstiegskampf, die Formkurve zeigte zuletzt zwar nach oben, bei nur einem Punkt Vorsprung auf die gefährliche Zone ist aber freilich dennoch nicht gerade von Vorteil, den nach Steffen Cieszynski (97 Tore) besten Schützen (95) gehen zu lassen. Doch: „Wir haben das gemeinsam entschieden“, erklärt Nefe. Heißt: Auch die Mannschaft hatte Mitspracherecht. Und: „Sie trägt die Entscheidung mit.“

In Bernburg ist man davon überzeugt, auch ohne Pulay den Klassenerhalt zu schaffen. Zumal eine Nachverpflichtung noch möglich ist - erste Gespräche wurden bereits geführt, eine Entscheidung soll nächste Woche fallen. Gabor Pulay wurde dann bereits vor heimischer Kulisse gebührend verabschiedet. „Das hat er sich verdient“, findet Nefe. Der Ungar kam vor dreieinhalb Jahren als Talent und hat sich entwickelt, viele Tore gemacht, Spiele teilweise im Alleingang entschieden. Das hatte erst diese Begehrlichkeiten geweckt. Der Weg wie mit Pulay ist einer, den Anhalt gehen muss. „Wir sind ein Ausbildungsverein“, sagt Nefe - und weiß, dass der Ausbilder eben manchmal auch in einer Zwickmühle steckt, wie jetzt. Man könnte sogar sagen, dass die Causa Pulay eine Wette ist. Vielleicht ist Bernburg ohne ihn wirklich schlechter und muss lange um den Ligaverbleib kämpfen. Vielleicht jedoch auch nicht, weil sich andere zeigen. Dann hat man ein gutes Geschäft gemacht. „Hinterher“, sagt Nefe, „sind alle schlauer.“ Jetzt war der Abgang aber unausweichlich.

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