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05.02.2018

Schmal wie ein Bindfaden

VON TOBIAS GROSSE

Seit Wochen in Top-Form: Anhalt-Kapitän Steffen Cieszynski. (FOTO/MZ: Hartmut Bösener)

Bernburg/MZ - Eine Aktion hätte am Samstagabend alles verändern können. Dreieinhalb Minuten vor dem Ende des Drittliga-Handballspiels zwischen dem SV Anhalt Bernburg und der MSG Groß-Bieberau/Modau lag Bernburg mit 25:24 vorn und hatte gerade den Ball in der Deckung gewonnen. Der Idealfall nun: Zeit von der Uhr nehmen, einen klaren Angriff spielen und die Führung ausbauen. Was Steffen Cieszynski gemacht hat: aus 30 Metern aufs leere Tor geworfen - und es klar verfehlt.

Man stelle sich nun einmal vor, der SVA hätte am Ende nicht diesen so verdammt wichtigen 28:25-Heimsieg im Abstiegskampf gefeiert. Cieszynskis Aktie daran wäre riesig gewesen. Bernburg gewann aber - und, ja: Cieszynski war ein Matchwinner!

Das klingt komisch, war aber so. Denn der Grat, auf dem der Kapitän des SV Anhalt am Samstagnachmittag wandelte, war schmal wie ein Bindfaden. Steffen Cieszynski war zum einen der, wie in den vergangenen Wochen eigentlich immer, überragende Offensivakteur Bernburgs. Der 27-Jährige hat sieben Treffer selbst erzielt und ungefähr ebenso viele vorbereitet. Aber Cieszynski hatte auch eine kritische Phase im Spiel.

Der SVA hatte nach dem 9:11-Halbzeitrückstand Mitte des zweiten Abschnitts auf 18:18 ausgeglichen, da schenkte Cieszynski in der Offensive zwei Bälle durch zu frühe Abschlüsse her - nur einer gewissen Portion Glück und dem starken Max Folchert im Tor war es zu verdanken, dass Bernburg nicht wieder höher in Rückstand geriet als mit einem Tor.

Nach dem Spiel saß ein bemerkenswert selbstkritischer Steffen Cieszynski auf einer Auswechselbank. Der Kapitän wusste, dass er ein gutes Spiel gemacht hatte. Er wusste aber auch um diese kritische Phase. „Ich war in einem Tunnel, aus dem ich nicht mehr herausgefunden habe. Und ich habe mich nicht an unseren Plan gehalten.“ Der sah vor, die in der ersten Halbzeit starke Abwehr Groß-Bieberaus lange zu bewegen und nicht zu schnell abzuschließen. Cieszynski tat genau das Gegenteil.

„Er hatte diese Phase im Spiel, wo deutlich war, dass er eine Pause gebrauchen könnte“, sagte Enrico Nefe nach der Partie. Der Anhalt-Coach ließ den Kapitän aber durchspielen, entgegen aller Andeutungen und Hinweise auf seine zunehmende Erschöpfung. Das Risiko war groß, Nefe wusste das. „Am Ende“, sagte er deshalb nach der Partie, „ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“

Denn trotz Steffen Cieszynskis zwei, drei, ja vielleicht auch fünf oder sechs, grober Fehler, war er der X-Faktor in Bernburgs Offensive. Wie seit Wochen. In allen Partien dieses Jahr war er bester Werfer. Was vor allem daran liegt, dass Cieszynski mittlerweile wieder in seiner Lieblingsrolle spielt: halblinks im Rückraum. „Da mag ich’s am meisten.“

Und da bringt der Kapitän seiner Mannschaft am meisten. Da ist er „der Entscheider“, so Nefe. Seitdem Cieszynski wieder auf der so genannten „Königsposition“ spielt, ist er in Top-Form und der SVA-Angriff läuft auch flüssiger. Wie es sich entwickelt, wenn mit Gabor Pulay der zweitbeste Werfer den Club nach dem nächsten Spiel nach Dresden verlässt, wird sich zeigen. Der Ungar hat in seiner letzten Partie in Bernburg übrigens noch einmal eine ordentliche Leistung gezeigt. An Cieszynski kam er jedoch nicht ran. Dafür war der Grat, auf dem er wandelte, auch zu schmal.

SVA: Folchert, Link; Cieszynski (7/1), Pulay (4), Marschall (2), Kraft(3), Friedrich (1), Ackermann (3), Schneider (3), Streitmann, Heyer, Godon, Schulze, Richter
 

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